4.1 Schul- und Bildungspolitik

Die Schullandschaft in Mainz ist seit einigen Jahren im Wandel. So wurde in Mainz eine Schule für Hochbegabtenförderung eingerichtet – angegliedert an das Gymnasium in Gonsenheim. Auch in Mainz wurden G-8-Gymnasien eingerichtet. Außerdem hat die Landesregierung von Rheinland-Pfalz beschlossen, die Haupt- und Realschulen abzuschaffen und an ihrer Stelle zukünftig Realschulen Plus einzurichten. Der Stadtrat hat im letzten Jahr die Grundlage dafür geschaffen, in Mainz insgesamt sechs Schulen dieses neuen Typs einzurichten, davon eine in Kooperation mit dem Landkreis Mainz-Bingen (Mombach-Budenheim).

Eine große Herausforderung war und wird es wohl bleiben, auf die veränderten Schülerströme angemessen zu reagieren. Die Einrichtung einer dritten IGS und eines neuen Gymnasiums, beginnend im Schuljahr 2009/2010, ist ein erster und wichtiger Schritt. Weitere Schritte könnten sich in den nächsten Jahren noch als notwendig erweisen – z. B. eine weitere IGS.

Mindestens seit zehn Jahren hat die Stadt versäumt, durch kontinuierliche Investitionen in die Bausubstanz und die schulische Infrastruktur die Ausstattung der Schulen den Erfordernissen anzupassen. Manche Gebäude sind derart marode, dass Unterricht unter unzumutbaren und gesundheitsgefährdenden Bedingungen durchgeführt wird. Vielerorts ist nur durch Hilfe von außen (Sponsoren) oder durch die Tätigkeit von Elternvertretungen und Fördervereinen ein noch schlimmerer Zustand bei der Ausstattung der Schulen verhindert worden. Das Konjunkturprogramm II bringt hier hoffentlich erste Verbesserungen.

Wir setzen uns dafür ein, den Kindern unserer Stadt unabhängig von ihrer Herkunft und ihrer familiären Situation gleiche Startchancen für eine gelingende Zukunft zu bieten. Dazu gehört auch, mittelfristig ein ausreichendes Ganztagsangebot in allen Schulformen vorzuhalten.

a) Für die vorschulischen Einrichtungen und Grundschulen
• Die Vorbereitung der Kinder in den Kindertagesstätten auf die Schulzeit muss verbessert werden. Wir begrüßen, dass Kindertagesstätten zukünftig verstärkt Bildungsaufgaben wahrnehmen. Die Bemühungen der Landesregierung, den Kindergartenbesuch kostenlos anzubieten, sind hierbei ein richtiger Schritt, um möglichst viele Kinder in die Tagesstätten zu führen. Zusätzlich müssen die kommunalen und freien Träger der Kinderbetreuungseinrichtungen die Eltern in ihrem Einzugsbereich aber durch verstärkte Informationen dafür gewinnen, diese Chancen für ihre Kinder auch zu nutzen.
• Die Sprachförderung muss für alle Kinder vor der Einschulung konsequenter und früher als bisher betrieben werden. Hierzu ist es notwendig, zunächst durch Tests bei ausländischen wie auch deutschen Kindern die Sprachkompetenz in der deutschen Sprache vor der Aufnahme in den Kindergarten festzustellen. Die Sprachförderung soll dann gezielt an den Fähigkeiten der Kinder ansetzen und sie bis zur Einschulung auf ein für die Bewältigung der schulischen Anforderungen geeignetes Niveau führen.
• Der muttersprachliche Unterricht für ausländische Schülerinnen und Schüler sollte als Zusatzangebot wo immer möglich ausgebaut werden, um die Sprachkompetenz in den Muttersprachen zu erhalten, auszubauen und zu festigen.
• Die Betreuung in den Grundschulen muss deutlich personell besser ausgestattet werden, um auch an den Nachmittagen eine sinnvolle Beschäftigung für die Schülerinnen und Schüler anbieten zu können. Dazu gehören z. B. neben einer fachlich qualifizierten Hausaufgabenbetreuung auch Veranstaltungen, die das im Unterricht gelernte Wissen in für die Kinder erlebbare Bereiche übertragen.
• In der Grundschule sollten vermehrt Modelle erprobt werden, wie in altersübergreifenden Strukturen der Unterricht gestaltet werden kann. So könnte die Sozialkompetenz aller Schüler verbessert werden, was sich auch auf das Schulklima positiv auswirkt. Eine weitere Möglichkeit ist der vermehrte Einsatz von Projektunterricht.
• Wir wünschen uns eine Betreuung durch jeweils zwei Lehrkräfte in zwei Klassenräumen, um parallel zum laufenden Unterricht eine individuelle Förderung bestimmter Schüler zu gewährleisten. Modellversuche hierfür sollen durch das Land verstärkt gefördert und als Dauereinrichtung angeboten werden.

• Die Grundschulen müssen in die Lage versetzt werden, die ihnen von der Grundstruktur obliegende Aufgabe zu erfüllen: Die Schülerinnen und Schüler auf die nächste Stufe der Ausbildung – den mittleren Schulabschluss und/oder die Ausbildungsreife – ausreichend vorzubereiten.

b) Für die Realschulen Plus (bzw. für die Übergangszeit in den weiter bestehenden Bildungsgängen von Haupt- und Realschule)
• Die Chancen, die sich mit der Neustrukturierung der Schullandschaft eröffnen, dürfen nicht leichtfertig verspielt werden. Deshalb ist es notwendig, die neuen Realschulen Plus personell und materiell ausreichend auszustatten. Dies lässt sich am besten mit der integrativen Form erreichen.
• Die neuen Lehrerkollegien müssen Zeit haben, sich in die veränderten Anforderungen des neuen Schulsystems einzufinden und durch Fortbildung die Qualität der schulischen Ausbildung zu verbessern. Hierfür sollten in die Lehrpläne genügend zeitliche Puffer in Form von ausreichend Vertretungskräften eingebaut werden.
• In den Schulen muss eine engere Verzahnung von Theorie und Praxis stattfinden. Hierbei sollten die Schulen verstärkt Kooperationen mit örtlichen Ausbildungsbetrieben eingehen, um den Schülerinnen und Schülern durch das Angebot von Betriebspraktika frühzeitig einen Einblick in das Arbeitsleben zu ermöglichen.
• Das Prinzip des altersübergreifenden Lernens sollte erprobt werden. Geeignet hierfür wären gemeinsame Arbeitsgemeinschaften, fächerübergreifende Angebote oder auch Neigungskurse, die von Schülern aus unterschiedlichen Klassenstufen im Nachmittagsbereich besucht werden könnten.
• Es sollte die Möglichkeit geben, den muttersprachlichen Unterricht aus der Grundschule weiter zu betreiben. Hierbei sollte auf die vorhandene Kompetenz in den einzelnen Familien zurückgegriffen werden.

c) Für die Gesamtschulen und die Gymnasien
• Die Einführung der G-8-Gymnasien ist in der jetzigen Form eine Fehlentwicklung. Die Erfahrung zeigt, dass die Schüler bei gleicher Lehrerzahl und ähnlichen Stoffinhalten überfordert sind. Gleichzeitig bleibt deutlich weniger Zeit für eine individuelle Förderung. Der erhoffte Zeitgewinn bleibt fraglich.
• Gymnasien und Gesamtschulen bilden in der Mehrheit die zukünftigen Studierenden an den Fachhochschulen und Universitäten aus. Für diese Aufgabe müssen sie fachlich und personell besser als bisher ausgestattet werden. Es kann nicht sein, dass kein ausreichender Physik-, Chemie- oder Biologieunterricht erteilt werden kann, weil die Ausstattung der Fachräume mangelhaft ist oder diese Räume für fachfremden Unterricht zweckentfremdet werden.
• Unter Berücksichtigung der Schülerzahlen sollte den Schulen generell wieder erlaubt werden, Schülerinnen und Schüler aus den angrenzenden AKK-Gemeinden sowie benachbarten hessischen Kommunen aufzunehmen. Die Erfahrungen waren über Jahrzehnte hinweg positiv und sollten nicht leichtfertig rein finanziellen Überlegungen untergeordnet werden.
• Die räumliche Ausstattung sollte bei Überkapazitäten durch Anmietung weiterer Räumlichkeiten zeitlich befristet aufgestockt werden (z. B. Rabanus-Maurus-Gymnasium), wenn dadurch die Unterrichtsversorgung verbessert werden kann.
• Es sollte auch berücksichtigt werden, ob sich aus der Anzahl der Aufnahmeklassen Probleme für den weiteren Fortgang der Schullaufbahn ergeben können. Es muss gewährleistet sein, dass auch in den Oberstufen noch genügend Schülerinnen und Schüler da sind, um ein differenziertes Kursangebot aufrechterhalten zu können.
• Gegebenenfalls müsste über eine Neuverteilung der Klassen auf die einzelnen Gymnasien nachgedacht werden, oder einzelne Schulen mit besonderem Profil müssten einen vorgezogenen Aufnahmetermin anbieten dürfen.

d) Für die Berufsschulen
• Es ist dringend notwendig, die seit langer Zeit vernachlässigten Sanierungen durchzuführen. Besonders die Ausstattung mit Fachräumen und die Ausstattung mit für die Ausbildung notwendigen Maschinen muss dringend verbessert werden. Hierbei sollte noch stärker als bisher die Kooperation mit den Ausbildungsbetrieben der Region angestrebt werden.
• Die Stadt Mainz muss dringend mit dem Landkreis Mainz-Bingen Verhandlungen aufnehmen mit dem Ziel, eine angemessene Beteiligung an den Fahrtkosten für die Berufsschüler zu erreichen. Immerhin kommen ca. 65 % dieser Schüler aus dem Umland und nur ca. 35 % aus der Stadt Mainz.

e) Generell für alle Schultypen
• „Mens sana in corpore sano”, dieser Grundsatz war schon bei den Römern bekannt und geschätzt. Gesundheit und körperliches Wohlbefinden sind gemäß diesem Grundsatz für die geistige Leistungsfähigkeit unverzichtbare Vorraussetzung. Deshalb ist es dringend notwendig, die katastrophale Situation im Schulsport schnellstmöglich zu verbessern. Es kann nicht sein, dass z. B. in der Berufsschule bis zu 70 % des Sportunterrichts ausfallen oder die Schülerinnen und Schüler von anderen Schulen unzumutbar lange Wege zurücklegen müssen, um zum Sportunterricht zu kommen.
• Die Schulen müssen sich mehr als bisher Gedanken darüber machen, welche Schulkultur und Identität sie nach außen vermitteln wollen. Lehrerkollegien, Schülerinnen und Schüler sowie die Eltern sollen sich mit „ihrer“ Schule identifizieren können. Schulmannschaften und kulturelle Neigungsgruppen stärken die Identifikation und Leistungsmotivation.
• Wir unterstützen die Forderung nach mehr Demokratie in der Schule, z. B. bei der Festlegung der Reihenfolge der Lehrplaninhalte und durch Schulversammlungen am Jahresanfang.
• Die Zusammensetzung des Schulträgerausschusses muss transparenter werden. Ein geeignetes Wahlverfahren muss entwickelt werden, damit alle in Mainz vertretenen Schularten prozentual vertreten sind. Die Sachkenntnis des Schulträgerausschusses des Stadtrates sollte bei allen Fragen, die die Schulen betreffen, mehr als bisher genutzt werden. Besonders gilt dies für die Verteilung der finanziellen Mittel an die einzelnen Schulen oder bestimmte organisatorische Fragen (z. B. gemeinsamer Internetzugang). Hierfür ist Voraussetzung, dass die Kommunikation zwischen Verwaltung und Schulträgerausschuss sich deutlich verbessert.
• Die Entscheidungsfreiheit der Eltern über die Schullaufbahn ihrer Kinder ist ein wichtiges Gut. Sie soll erhalten bleiben. Es sollte allerdings nach Wegen gesucht werden, wie frühzeitiger als bisher der Elternwille beim Übergang von der Grundschule zu den weiterführenden Schulen in Erfahrung gebracht werden kann.
• Im letzten Jahr wurde die Chance nicht genutzt, mit dem Landkreis Mainz-Bingen einen gemeinsamen Schulentwicklungsplan aufzustellen. Dies sollte zukünftig geschehen, um rechtzeitig steuernd eingreifen zu können und chaotische Zustände, wie es sie im Jahre 2008 bei der Verteilung der Schüler gegeben hat, schon vorab zu vermeiden oder abzumildern. Eventuell ließe sich eine solche Abstimmung auch auf die angrenzenden hessischen Kommunen ausweiten.
• Um die Qualität des Unterrichtes zu verbessern, plädieren wir für ein Managementtraining für Schulleiter und Videotraining für Lehrkräfte. Jede Schule sollte außerdem zwei Sozialarbeiter und einen Schulpsychologen haben.
• Für Kinder, die unter Legasthenie oder Dyskalkulie leiden, sollen innerhalb und außerhalb der Schulen zusätzliche kostenfreie Förderangebote vorgehalten werden.

Es wurde schon betont, dass sich die Schullandschaft im Wandel befindet. Wandel bedeutet dabei immer sowohl Unsicherheit als auch Chance zum Neuanfang. Bevor jetzt neue Forderungen (z. B. nach einer 4. IGS) gestellt werden, sollte zunächst dem Neuen die Gelegenheit gegeben werden, sich zu entwickeln und die Erfahrungen zu machen, die notwendig sind, um Korrekturen – wo immer nötig – vorzunehmen.

Der Bildungsauftrag wird am besten erfüllt mit individueller Förderung von der Kinderkrippe bis zur Universität. Eines ist für ödp/Freie Wähler dabei das wichtigste Kriterium: Dass alle am „System Schule“ beteiligten Menschen, Begeisterung für das gemeinsame Lernen entwickeln und die Lust daran, Neues zu erfahren, nie verlieren.